
No. 13 – das Betthupferl aus Folge #13
11. März 2025
No. 15 – das Betthupferl aus Folge #15
31. März 2025No. 14 - Das Betthupferl aus Folge #14
Von Catherine Faber
„Snørre, das ist Schwachsinn. Ich mache das nicht“, raunt Sebastian seinen Schlüsselbund an.
„Oh doch, du wirst”, gibt der frech zurück.
„Nein.“
„Doch.“
„Nein, verdammt nochmal!“
„Sebastian, wenn du nicht freiwillig gehst, sorge ich dafür, dass du es tust...“
Die Warnung klingt wenig subtil und Sebastians Magen zieht sich zusammen. Snørre hat diesen unheilvollen Unterton in der Stimme, den er so gar nicht mag.
„Was soll das heißen?“ fragt Sebastian misstrauisch.
Snørre schweigt. Eine Pause, die viel zu lange dauert. Dann – ein seltsames Gefühl. Ein Kribbeln auf der Haut. Ein Zittern, ein Flattern in den Fingerspitzen. Und dann …
Mit einem Zisch verschwindet Sebastians Pullover.
Sebastian blinzelt. Sein Pullover ist weg. Stattdessen steht er mit nacktem Oberkörper in der Umkleidekabine des Fitnessstudios. Seine Jeans folgt. Das wäre in diesem Setting noch nichts ungewöhnliches. Trotzdem schwant ihm nichts Gutes.
„SNØRRE!“ faucht er und klammert sich verzweifelt an seine Boxershorts. „Wage es ja nicht! Ich schwöre, ich—“
Ein weiteres Zisch – und er steht da. Splitterfasernackt.
Für einen Moment ist es still. Dann kichert Snørre.
„Und jetzt? Gehst du so raus oder soll ich dir noch einen kleinen Motivationsschub geben?“
Sebastian keucht, reißt das Handtuch aus seiner Sporttasche und wickelt es hektisch um seine Hüften.
„Das ist Körperverletzung! Oder zumindest … ethisch fragwürdig!“
„Blabla. Bewegung, mein Junge! Die Erinnerungen kommen nicht von allein. Denk dran: Scham ist der Schlüssel!“
Mit einem Swoosh hüpft er vom Schlüsselbund in Sebastians Bluetooth-Kopfhörer und gibt das Signal zum Losgehen. Sebastian presst die Lippen zusammen. Sein Herz rast, während er seine schweißnassen Hände an seinem Handtuch trocknet.
„Ich kann das nicht“, murmelt er. „Das ist Wahnsinn.“
„Doch, kannst du. Ich glaube an dich!“ Snørres Stimme trieft vor geheuchelter Motivation.
Sebastian schließt die Augen, atmet tief durch und öffnet schließlich die Tür. Der erste Schritt hinaus in den offenen Fitnessbereich fühlt sich an wie der Gang zum Schafott. Er bewegt sich langsam. Bedächtig. Jeder Muskel in seinem Körper ist angespannt. Das Handtuch presst er mit beiden Händen fest an sich – als wäre es ein Schutzschild gegen die unweigerlich kommenden Blicke.
Und die kommen.
Sebastian fühlt sie sofort. Die ersten Köpfe drehen sich. Zwei Männer an der Hantelbank stoppen ihre Wiederholungen und mustern ihn mit gerunzelter Stirn. Ein Trainer in einem eng geschnittenen Sportshirt verlangsamt seinen Schritt, als würde sein Gehirn noch verarbeiten, was er gerade sieht.
„Okay … okay … alles halb so wild. Ich mach einfach ein paar Übungen, verhalte mich normal, dann … dann…“ Sebastians Gedanken überschlagen sich.
„Dann was?“ platzt Snørre dazwischen. „Dann vergessen sie, dass du nackt im Fitnessstudio stehst? Interessante Theorie! Ich beobachte das mal.“
Sebastian würgt einen Fluch herunter, marschiert steif weiter, hält den Blick auf den Boden gerichtet und steuert das nächste freie Gerät an – die Beinpresse.
„Ja, genau! Beine trainieren ist gut“, murmelt er und setzt sich hin.
In dem Moment bemerkt er seinen Fehler.
Er muss das Handtuch loslassen.
Ein Schauer läuft ihm über den Rücken. Mit weit aufgerissenen Augen blickt er auf seine Hände, die immer noch sein letztes Stück Stoff festklammern.
Snørre lacht. „Na, was nun? Training oder Anstand?“
Sebastian schluckt. Er versucht, das Handtuch so unauffällig wie möglich zwischen seinen Oberschenkeln einzuklemmen, während er seine Füße auf die Fußablage setzt. Mit zittrigen Händen greift er die Griffe an der Seite.
Atmen. Einfach atmen.
Er drückt das Gewicht nach oben. Einmal. Zweimal. Fast beginnt er sich daran zu gewöhnen – bis er eine Bewegung im Augenwinkel wahrnimmt. Eine Frau auf einem Crosstrainer hat ihn entdeckt. Ihr Rhythmus verlangsamt sich, während sie ihn mit zusammengekniffenen Augen anstarrt. Ihr Blick wandert von seinem Gesicht zu seinem Handtuch, dann zurück zu seinem Gesicht.
Sebastian erstarrt.
Er kann fast hören, wie in ihrem Kopf ein Urteil gefällt wird.
Dann – ein lautes Krachen.
Er hat das Gewicht zu hastig abgesetzt. Die Maschine gibt ein lautes, metallisches Klappern von sich. Fast zeitgleich rutscht das Handtuch gefährlich weit nach unten. Sebastian schnappt es im letzten Moment und springt panisch auf die Füße.
„Alles in Ordnung da hinten?“, ruft eine Trainerin aus der Nähe des Empfangsbereichs.
„Ja! Ja! Alles super! Ganz hervorragend!“, antwortet er viel zu laut und beginnt hektisch, auf der Stelle zu joggen.
„Hervorragend?“ schnarrt Snørre belustigt. „Bist du sicher? Dein Gesicht sieht aus, als würde gleich dein Kopf explodieren.“
„Halt die Klappe.“
„Sebastian?“ Die Trainerin kommt näher. Ihr skeptischer Blick bleibt an ihm hängen. „Äh, wo ist deine Sportkleidung?“
Er friert ein.
„Äh…“
„Oh, jetzt bin ich gespannt!“, ruft Snørre begeistert.
Sebastian setzt ein viel zu breites Grinsen auf. „Neues Trainingskonzept. Körperbewusstes … äh … Natur-Workout?“
„Natur-Workout?“ Die Trainerin zieht eine Augenbraue hoch.
„Ja! Ganz neu! Direkt aus … Skandinavien! Heißt… mh … Nordic Nakedness!“
Stille.
Die Trainerin mustert ihn einen Moment zu lange.
„Okay. Raus hier.“
„Was? Nein! Ich bin mitten im Training!“ protestiert Sebastian.
„Raus.“
„Aber—“
„Sofort.“
Sebastian beißt die Zähne zusammen. Das Blut rauscht in seinen Ohren. Er dreht sich um und marschiert, das Handtuch so fest umklammert, dass seine Fingerknöchel weiß werden, zur Umkleide zurück.
Sobald die Tür hinter ihm zufällt, lehnt er sich keuchend dagegen.
„Ich hasse dich, Snørre.“
Der Plappergeist prustet vor Lachen. „Ach, komm schon, das war doch ein voller Erfolg! Noch zwei, drei solcher Sitzungen, und wir habens!“
Sebastian seufzt tief.
„Warte nur ab“, murmelt er, während er sich hastig wieder anzieht. „Irgendwann kriege ich dich. Und dann wirst du dir wünschen, du hättest mich nie gefunden.“
Snørre kichert. „Ich freue mich schon drauf.“